Trotz rückläufigem PPA-Markt: dm bezieht zehn Jahre lang Solarstrom aus Bayern#
dm gehört zu den Ketten, bei denen man als Kundin oder Kunde anders einkauft – bewusster, irgendwie ruhiger. Das hat einen Hintergrund: Die Drogeriemarktkette wurde 1973 von Götz Werner auf Grundlage anthroposophischer Prinzipien gegründet, ähnlich wie Tegut im Lebensmitteleinzelhandel. Wer das weiß, wundert sich nicht über flache Hierarchien, überdurchschnittliche Mitarbeiterbedingungen und eine Unternehmenskultur, die Nachhaltigkeit nicht als Marketingbegriff behandelt. Dass dm jetzt einen zehnjährigen Direktvertrag für Solarstrom aus einem bayerischen PV-Park unterzeichnet hat, passt dazu.
Was wurde vereinbart?#
Am 22. Juli 2026 haben die Energiekontor AG, die EHA Energie-Handels-Gesellschaft und dm einen Power Purchase Agreement (PPA) für den geplanten Solarpark Kolitzheim-Herlheim in der Gemeinde Kolitzheim im Landkreis Schweinfurt geschlossen. Die wichtigsten Eckdaten:
- Anlagenleistung: rund 11 Megawatt peak (MWp)
- Jahreserzeugung: mehr als 13 Gigawattstunden (GWh) – genug für rund 3.700 Drei-Personen-Haushalte
- CO₂-Einsparung: ca. 9.000 Tonnen pro Jahr
- Vertragslaufzeit: 10 Jahre
- Inbetriebnahme: 1. Halbjahr 2027
- Förderung: keine – der Park wird vollständig ohne EEG-Subventionen realisiert
Energiekontor entwickelt den Park, EHA (eine Tochtergesellschaft der REWE Group) koordiniert die Stromlieferung in das Versorgungsportfolio der dm-Märkte. Die Fläche wird ökologisch begleitet: Schafe weiden zwischen den Modulreihen.
Warum jetzt – bei schrumpfendem PPA-Markt?#
Der Zeitpunkt ist auffällig. Der deutsche PPA-Markt hat sich seit seinem Höhepunkt deutlich zurückgezogen:
| Jahr | PPA-Verträge | Volumen |
|---|---|---|
| 2023 | k. A. | 3,8 GW |
| 2024 | 51 | 2,2 GW |
| 2025 | 27 | 1,3 GW |
Deutschland ist inzwischen vom zweiten auf den vierten Platz in Europa zurückgefallen – hinter Spanien, Italien und Polen. Sinkende Großhandelspreise und das Risiko negativer Börsenpreise in sonnenreichen Stunden machen reine Solar-PPAs ohne Speicher für viele Projektierer unattraktiv.
dm hat trotzdem unterschrieben. Der Grund liegt in zwei Motiven, die zusammenwirken:
Preisstabilität: Ein festgeschriebener Strompreis über zehn Jahre schützt vor volatilen Energiemärkten. Für ein Unternehmen mit stabilen, gut planbaren Verbräuchen aus Filialbetrieb und Lagerhaltung ist das ein strategischer Vorteil gegenüber kurzfristiger Spotmarkt-Beschaffung.
CSRD-Dokumentation: Die EU-Nachhaltigkeitsberichterstattungspflicht verlangt von großen Unternehmen den Nachweis echter Emissionsreduktionen – nicht nur Zertifikatskäufe. Ein Direktvertrag mit einem neu gebauten Solarpark ohne EEG liefert genau diesen Nachweis: Der erzeugte Strom ist kausal mit dm verknüpft, die CO₂-Einsparung bilanzierbar.
Peter Szabo, CEO von Energiekontor, bringt es auf den Punkt: „Hochwertige Solarprojekte in Deutschland lassen sich wirtschaftlich ohne staatliche Subventionen realisieren."
Einordnung in die Energiewende#
Der Deal zeigt zwei gegenläufige Entwicklungen gleichzeitig. Einerseits: Der PPA-Markt schrumpft, weil fallende Börsenstrompreise die Marge für Projektierer drücken und viele Unternehmen zögern, sich langfristig zu binden. Andererseits: Unternehmen mit klaren Nachhaltigkeitszielen und stabilen Verbrauchsprofilen finden im PPA trotzdem ein sinnvolles Instrument – gerade weil es Unabhängigkeit von Marktbewegungen schafft.
Für die Energiewende sind solche förderfreien Projekte bedeutsam: Sie belegen, dass erneuerbare Energie auch ohne Staatsgeld wirtschaftlich tragfähig ist – wenn Abnehmer, Entwickler und Intermediär zusammenpassen. Das EEG hat diese Entwicklung ermöglicht; nun wächst ein Markt, der darüber hinausgeht.
Was bedeutet das für Verbraucher?#
Direkt wenig – der Strom aus Kolitzheim-Herlheim fließt in das dm-Filialnetz, nicht in den freien Markt. Indirekt aber einiges:
Wenn große Unternehmen langfristige Direktverträge mit Solarparkentwicklern schließen, stabilisiert das die Finanzierung neuer Anlagen und verringert den Bedarf an öffentlichen Subventionen. Das entlastet mittelfristig auch die Netzentgelte und Umlagen, die auf der Stromrechnung privater Haushalte landen.
Und: Es zeigt, dass es einen Markt für verifizierbaren Ökostrom gibt – einen, der nicht auf Herkunftsnachweisen aus fernen Wasserkraftwerken basiert, sondern auf direkt zurechenbarer Erzeugung. Für Privathaushalte, die dasselbe wollen, sind dynamische Stromtarife mit ausgewiesenem Ökostrom-Anteil ein erster Schritt in dieselbe Richtung.
Fazit#
dm kauft nicht einfach Ökostrom-Zertifikate – das Unternehmen baut sich eine zehnjährige, direkte Versorgungsstruktur auf, die sowohl wirtschaftlich als auch regulatorisch Sinn macht. Energiekontor beweist, dass förderfreie Solarparks in Bayern funktionieren. Und der schrumpfende PPA-Markt zeigt: Nicht der Wille fehlt, sondern die richtigen Rahmenbedingungen für eine breitere Marktentwicklung.
Weiterführende Artikel#
- Erneuerbare in allen Sektoren auf Wachstumskurs – aber Windausbau verfehlt EEG-Ziel — aktueller Stand der deutschen Energiewende
- SolarPower Europe veröffentlicht Marktplattform für Solar und Batteriespeicher — Marktdaten und Prognosen für den europäischen Solarmarkt
Quellen#
- https://www.solarbranche.de/news/nachrichten/artikel-39896-trotz-rucklaufigem-ppa-markt-energiekontor-eha-und-dm-schliessen-10-jahrigen-solarstromvertrag-fur-pv-park-in-bayern
- https://www.drweb.de/gruenstrom-ppa-dm-solarpark-foerderfrei/
- https://www.ecoreporter.de/artikel/energiekontor-liefert-solarstrom-f%C3%BCr-dm-m%C3%A4rkte/
- https://www.finanztreff.de/nachrichten/2026-07-22-eqs-news-energiekontor-ag-energiekontor-eha-und-dm-setzen-auf-langfristige-gruenstromlieferung-aus-solarpark-kolitzheim-herlhei-471259
Die persönliche Energiewende beginnt mit dem Tarifwechsel. Vergleich auf gruener-strom.de.
