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Autor
Mirco Schmidt
Mein erster Kontakt zu grünem Strom war 1994 beim Aufbau des ersten hessischen Windparks

Mit negativen Strompreisen Geld verdienen: Was dahintersteckt und wer wirklich profitiert
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⚡ An sonnigen Wochenenden und Feiertagen passiert in Deutschland inzwischen regelmäßig etwas Ungewöhnliches: Der Strom kostet nichts — oder die Börse zahlt sogar dafür, dass Strom verbraucht wird. Am 1. Mai 2026 wurde mit minus 855 Euro pro Megawattstunde ein neuer Rekord aufgestellt.

Aber wer kann davon wirklich profitieren? Und was braucht man dafür?

Wie entstehen negative Strompreise?
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Negative Preise an der Strombörse entstehen, wenn das Angebot die Nachfrage deutlich übersteigt. Das passiert vor allem:

  • an sonnigen Sommerwochenenden mit hoher Photovoltaik-Einspeisung
  • an Feiertagen mit niedrigem Industrieverbrauch
  • bei starkem Wind kombiniert mit schwacher Nachfrage

Wind- und Solaranlagen laufen dann auf Hochtouren, während Fabriken und Büros geschlossen sind. Die Netzbetreiber stehen vor einem Überangebot und müssen gegensteuern — notfalls dadurch, dass sie Abnehmer mit negativen Preisen zur Abnahme animieren.

Für 2026 werden 700 bis 900 Stunden mit negativen Börsenstrompreisen erwartet. Das ist kein Ausnahmefall mehr, sondern ein strukturelles Merkmal der deutschen Energiewende.

Was wirklich beim Verbraucher ankommt
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Wer jetzt denkt, er bekommt einfach Geld aufs Konto überwiesen, liegt leider daneben — zumindest meistens.

Denn zwischen dem Börsenpreis und dem Endkundenpreis stehen fixe Kostenbestandteile, die immer anfallen:

  • Netzentgelte
  • Stromsteuer
  • EEG-Umlage und weitere Abgaben
  • Konzessionsabgabe
  • Vertriebsmarge des Anbieters

Diese Aufschläge summieren sich auf 11 bis 14 Cent pro Kilowattstunde. Das bedeutet: Der Börsenpreis muss erst unter minus 13 Cent pro kWh sinken, bevor der Endkundenpreis tatsächlich negativ wird — und man als Verbraucher echtes Geld zurückbekommt.

Solche tief negativen Preise kommen vor, aber seltener als die reine Börsenstatistik vermuten lässt. Trotzdem lassen sich in vielen Stunden erhebliche Kosten sparen.

Die drei Voraussetzungen zum Profitieren
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Um von negativen oder sehr niedrigen Strompreisen zu profitieren, braucht man drei Dinge gleichzeitig:

1. Dynamischer Stromtarif Nur wer den Spotpreis der Strombörse direkt weitergereicht bekommt, profitiert von Preiseinbrüchen. Anbieter mit dynamischen Tarifen sind unter anderem:

  • Tibber
  • aWATTar
  • EnBW dynamisch
  • Octopus Energy
  • Rabot Charge

Bei klassischen Festpreistarifen bleibt der Preis konstant — egal was an der Börse passiert.

2. Smart Meter (intelligenter Stromzähler) Ein digitaler Zähler, der stündliche Verbräuche erfasst und überträgt, ist technische Pflichtvoraussetzung. Ohne Smart Meter ist keine stundenweise Abrechnung möglich.

3. Großer schaltbarer Verbraucher Kleine Haushaltsgeräte wie Waschmaschinen sparen zwar auch etwas, aber der Effekt ist gering. Wirklich interessant wird es mit:

  • Elektroauto + Wallbox — lädt nachts oder bei negativen Preisen, spart pro Jahr 400–900 Euro
  • Wärmepumpe — heizt Wasser oder Puffer in günstigen Stunden vor
  • Heimspeicher — lädt bei negativen Preisen, entlädt im teuren Abend

Wie viel ist realistisch zu sparen?
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Nicht jede Negativpreisstunde lässt sich nutzen — man schläft, ist unterwegs, oder das Auto ist bereits voll. Realistisch nutzbar sind für einen durchschnittlichen Haushalt 50 bis 150 Stunden pro Jahr.

Das ergibt:

HaushaltErsparnis pro Jahr
Ohne große Verbraucher50 – 150 €
Mit Elektroauto oder Wärmepumpe400 – 900 €
Mit Speicher + Wärmepumpe + E-Autobis zu 900 € und mehr

Die Zahlen zeigen: Das Potenzial ist real, aber es hängt stark von der Haushaltsausstattung ab.

Was das für die Energiewende bedeutet
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Negative Strompreise sind kein Versagen des Systems — sie sind ein Signal. Sie zeigen an, dass zu einem bestimmten Zeitpunkt mehr Strom verfügbar ist als gebraucht wird. Das Problem: Deutschland hat noch zu wenig Speicherkapazität und zu wenig flexible Verbraucher, um diesen Überschuss sinnvoll aufzunehmen.

Wer sich heute einen dynamischen Tarif und einen schaltbaren Großverbraucher zulegt, wird damit zum Teil der Lösung: Er verlagert seinen Verbrauch genau in die Stunden, in denen Strom im Überfluss vorhanden ist — und entlastet so das Netz.

Je mehr Haushalte mitmachen, desto stabiler und günstiger wird das Gesamtsystem langfristig für alle.

Quellen
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Wer die Vorteile dynamischer Strommärkte und erneuerbarer Energien optimal nutzen möchte, sollte regelmäßig einen aktuellen Strompreisvergleich durchführen. Mehr dazu auf gruener-strom.de.